Live Image Transmission (LIT) ist nicht nur eine Bildübertragungstechnik, mit welcher Fotodatei direkt aus der Kamera zu einem FTP-Empfangscomputer transferiert werden können. Live Image Transmission ist vor allem auch ein Workflow, ein speditiver, effektiver Prozess von der Aufnahme bis zur Publikation. LIT sieht die Arbeitsteilung zwischen Fotograf und Bildredaktor vor. Zwar ist die automatisierte Verarbeitung von der Kamera weg bis zu einer Internet-Lösung (Online-Bilddatenbank oder Live Image Ticker) durchaus möglich, doch die Funktion des automatischen Captioning (Bildlegende schreiben und in JPEG anfügen) bei Pressebildern entspricht derzeit noch nicht den Bedürfnissen der Kunden. Auch automatische Cropping-Werkzeuge können das geübte Auge für den richtigen Schnitt eines Bildredaktors oder Fotografen noch nicht ersetzten.
Auch ohne vollständige Prozessautomatisation ist Live Image Transmission ein effiziente Werkzeug für den Fotojournalisten und die Redaktion. Selbstverständlich verlangt LIT die Anpassung der jetzt vorherrschenden Workflows. Während die Umstellung auf die Live-Technik den Fotografen erfahrungsgemäss sehr leicht fällt, muss auf der Redaktion ein Live Image Editor bestimmt werden, der drei bis fünf Fotografen betreut. Dieser arbeitet praktisch parallel zu den Fotografen. Er sichtet, wählt aus, bearbeitet die besten Fotos und stellt sie online (Bildagentur) oder übergibt sie der Produktion (Print- oder Online-Medien).
Der Live-Editor nutzt dabei alle möglichen Informationsquellen wie Live-TV, Radio, Google usw., um die vorbereiteten Bildlegenden mit Namen und Informationen zu ergänzen. Nur im Notfall sollte der Live-Editor den Fotografen kontaktieren, um Personen zu identifizieren. Der Fotografen nutzt sein Smartphone, um diese Informationen per Telefon, SMS, Skype, Chat usw. an die Redaktion zu übermitteln. swiss-image.ch arbeitet bereits seit rund vier Jahren nach diesem System. Wir haben in vielen Tests und im normalen Fotografen-Alltag festgestellt, dass mit steigender Routine Telefongespräche zwischen Fotograf und Live-Editor immer weniger werden. Gut hat sich SMS bewährt, weil der Empfänger mit einem Tonsignal über einen Nachrichteneingang verständigt wird. Der Live-Editor muss sich natürlich intensiv mit einem Event beschäftigen, um Bildlegenden aus der Ferne korrekt zu verfassen. Das ist ebenfalls eine Übungssache. Wir haben erstaunlicherweise gelernt, dass die Bildlegenden in der Regel besser auf der Redaktion erstellt werden als vom Fotografen vor Ort.
Der Stressgrad des Fotografen hängt nämlich vorwiegend von diesen Faktoren ab:
1. Zeitdruck (Ich muss noch übermitteln!)
2. Auswahldruck (Welche Bilder soll ich nehmen?)
3. Bearbeitungsdruck (Schneller, schneller Photoshop!)
4. Bildlegenden (Wie heisst der nun wieder. Ja keine Fehler.)
Die Faktoren 2, 3 und 4 werden durch den Faktor Zeitdruck potenziert. Ich darf dies angesichts meiner 30jährigen Agenturerfahrung durchaus feststellen: Ich geniesse Live Image Transmission und habe heute viel mehr Spass, an stressigen Events zu fotografieren als früher! Dank Live Image Transmission kann ich mich voll auf die Fotografie konzentrieren und muss mich in meiner Arbeit nicht durch die Punkte 1 bis 4 unter Druck setzen lassen. Ich bin sicher, dass mir Live Image Transmission geholfen hat, ein besserer Fotograf an grossen und kleinen Veranstaltungen zu sein.
Freie Fotografen und Live Image Transmission: Handicap und Chance!
Live Image Transmission wird im hart umkämpften Bildagentur-Geschäft eine Verschärfung des Zeitfaktors bringen. Das erste Bild werde gedruckt, heisst eine alte Fotografen-Weisheit. Diesbezüglich bringt Live Image Transmission natürlich für freie Fotografen, welche keine Bildredaktion oder zumindest Photoshop bewanderte Ehefrauen hinter sich wissen, einige Nachteile. Ohne gescheite Bildlegende wird wohl keine Redaktion auch ein superschnelles Bild von einem Freien beziehen wollen. Hier gibt es nur einen Ratschlag: Freie Fotografen schliesst Euch zusammen und sucht gemeinsam jemanden für das Live Image Editing. swiss-image.ch sucht ebenfalls nach Lösungen für Kollegen, die nicht eine Bildredaktion hinter sich wissen. Eine andere Stossrichtung ist das Bild-Editing in der „Cloud“. Auf einem Pad liesse sich mit einer webbasierenden Backoffice einer Online-Bilddatenbanken ein Crop machen und eine korrekte Bildlegende anfügen. Wir meinen aber, dass die Hersteller von Bild-Datenbank gedanklich noch etwas Zeit für ein Cloud-Editing benötigen…
Technisch ist es bereits seit Jahren möglich, das Einfügen einer IPTC-Bildlegende zu automatisieren. Das geht einerseits mit Pocket Phojo (auf Windows Mobile 6.5 > HTC HD) oder mit einer serverbasierenden Lösung. Hinter den empfangenden FTP-Server wird die Software Color Factory von Fotoware geschaltet. Die Live-Bilder werde in Color Factory hervorragend optimiert (es steckt die Schweizer Lösung von http://www.colour-science.com dahinter). Eine vorproduzierte Bildlegende wird zusätzlich jedem Bild angefügt. Zum Schluss wird die Bilddatei in ein Zielverzeichnis verschoben – z.B. in eine Online-Bilddatenbank. Wir haben von 2002 bis 2005 mit einer solchen Lösung gearbeitet und erstaunlich ansprechende Ergebnisse erzielt. Aber eine individuelle Bildlegende ist halt doch besser.
Es ist Zeit für modernere Workflows, es ist Zeit für Live Image Transmission.
Neue Technologien brauchen neue Lösungen. Live Image Transmission bietet so viele Vorteile, dass sich bald niemand mehr davor verschliessen kann. Weshalb? Das Gewicht der Online-Medien wird rasant zunehmen. Die Wünsche der Online-Portale an die Bildagenturen nach schnelleren Bildern konnten aus technischen oder personellen Gründen meist nur ungenügend erfüllt werden. Der alte Workflow (Fotografieren, Bilder auf Notebook auslesen, Bilder bearbeiten, Bilder betexten, Bilder übermitteln) sowie die sinkende Bildqualität durch schnelleres Arbeiten, werden als Argumente gegen eine beschleunigte Bildlieferung auf den Tisch gebracht. swiss-image.ch hat in den letzten Jahren immer wieder bewiesen, dass Live Image Transmission für eine Verbesserung der Bildarbeiten in allen Bereichen sorgt. Live-Fotografen bewerten ihre kreative, technische Bildleistung höher ein (weniger Stress, mehr Kreativität). Schnelligkeit und Qualität ist gerade mit Live Image Transmission nicht ein Widerspruch, sondern ein Fakt. Man muss nur den traditionellen Workflow über Bord werfen und den Kopf für Neues frei machen. Wie damals, als man vom analogen ins digitale Fotozeitalter wechseln musste. Damals war es nämlich absolut üblich, dass sich Fotografen grosser Schweizer Zeitungen in Zürich ein Bierchen genehmigten, während ihre Filme im Labor verarbeitet und der Bildredaktion zur Auswahl übergeben wurden. Das Bierchen war damals so geschätzt, dass sich viele Fotografen schwer taten, als sie die Bildbearbeitung an einem Notebook selbst ausführen mussten. Die Verbreitung der ersten funktionierenden Digitalkameras um 1998 veränderte die Arbeitsweise auch dramatisch.
Der jetzige Workflow der Sportfotografen hat sich dank Photo Mechanics und Co. in der Tat beschleunigt. Wie sinnvoll ist es aber, dass jeder Fotograf beim Fussballmatch sein Notebook im Gras liegen hat? Wir erinnern uns an das Euro-Spiel vor einigen Jahren in Basel, das durch ein heftiges Gewitter zum Regenspiel wurde und einigen Kollegen das Notebook ruinierte. Mit der Bildübertragung direkt aus der Kamera kann so etwas nicht passieren. Die Kamera ist geschützt und der Mobile Hotspot kommt in einer Jacken-Innentasche unter. Irgendwann wird die LAN-, WLAN-, UMTS- oder LTE-Schnittstelle ohnehin in der professionellen DSLR-Kamera oder zumindest in den WFTs integriert sein.







